Autor: Cleo

  • The Sound of Silence

    「…」

    So sieht es in japanischen Romanen oft aus, wenn eine Figur nicht weiß, was sie sagen soll, aber damit dennoch eine Emotion zum Ausdruck bringt. Die Auslassungspunkte, die im Deutschen bestenfalls ein zögerliches Schweigen, normalerweise aber einfach eben eine Auslassung anzeigen, werden dabei als Stilmittel benutzt. In einem Manga oder Anime würde man an dieser Stelle den*die schweigende*n Protagonisten*in einblenden und wüsste unmittelbar, was mit den fehlenden Worten gesagt werden soll.

    Es ist jedoch äußerst unüblich, jenes Schweigen in deutschen Übersetzungen anzuwenden. Für gewöhnlich umschreiben wir die Emotion dabei, indem wir aus dem Kontext heraus erklären, welche Emotion gerade dargestellt werden soll. Das kann von „Er warf mir einen nachdenklichen Blick zu“ bis hin zu „Ihr Schweigen verriet mir alles, was ich wissen musste“ reichen und liegt dabei vollkommen in der Verantwortung des*der Übersetzers*in.

    Dankenswerterweise lassen uns japanische Autor*innen jedoch nicht ausschließlich mit Dreipunkten allein. Die Anzahl der Punkte, zusätzliche Satzzeichen und Auslassungen an unüblichen Stellen geben uns gute Hinweise darauf, wie die Szene zu interpretieren ist. Das funktioniert auf eine seltsame Weise genauso gut wie eine textliche Umschreibung, wenn man dazu ein wenig die Fantasie spielen lässt.

    Versucht es selbst: Wie fühlen sich folgende Elemente an?

    「――!」

    「…なんだと?」

    「ぐふ……くっ……力が入らん……!」

    Wer nun dachte: entsetztes Nachluftschnappen, misstrauisches Nachhaken und verstörtes Husten und Keuchen beim Ringen um Standfestigkeit (oder etwas in der Richtung zumindest), hat sich jede Menge Lesezeit gespart, um genau diese Beschreibungen auch anhand weniger Zeichen korrekt zu deuten.

    Ich persönlich mag es allerdings, die Situation deskriptiv zu übersetzen, also zu versuchen, die Gefühle durch Worte greifbar zu machen, einfach nur, weil dies die Szenen noch etwas lebendiger macht als Auslassungszeichen. Faszinierend wird es für mich trotzdem bleiben, was ein paar Satzzeichen für Inhalt transportieren können, wenn sie so in den Kontext eingebettet werden, wie dies im Japanischen Usus ist.

  • Übersetzen oder verstehen

    Beim Lernen einer Fremdsprache erreicht man früher oder später den Punkt, an dem man geschriebene oder gesprochene Wörter wahrnimmt und deren Bedeutung begreift, ohne sie dafür erst im Kopf übersetzen zu müssen. Ab da kann man, so jedenfalls meine unwissenschaftliche Definition, behaupten, die Sprache zu verstehen. Alles, was ab diesem Punkt noch zu ergänzen ist, sind Vokabular und sprachliche Feinheiten (etwa, wie sich Ironie in der Sprache äußert, Dialekte oder Slang).

    Bevor das Gehirn jedoch eigenständig die Bedeutung aus der wahrgenommenen Fremdsprache extrahieren kann, müssen wir erst ihre Grundlagen durch regelmäßige Wiederholungen und Übungen erlernen. Solange übersetzen wir die gehörten oder gelesenen Dinge noch, entweder im Kopf oder auf dem Übungszettel, und bauen damit gleichzeitig ein Fremdwörterbuch im Kopf auf, auf das wir bei Nutzung der Fremdsprache später zurückgreifen.

    Interessant wird es, wenn wir so weit sind, die Sprache zu begreifen, ohne sie uns erst zurechtübersetzen zu müssen. Mir fällt dabei zunehmend auf, dass ich bei der Wahrnehmung insbesondere englischer Sprache viele Wörter nicht mehr im Kopf 1:1 ins Deutsche übertragen kann, weil mir ihre Bedeutung darin klar ist, das deutsche Äquivalent dazu aber gerade abhanden gekommen ist. Insbesondere passiert das bei Wörtern, die sehr viele Bedeutungen haben können und sich je nach Situation anpassen. Wörter wie awkward (36 Bedeutungen auf dict.cc), awesome (25) oder strange (33) wechseln ihre Bedeutung wie andere die Unterwäsche und wir wissen eigentlich immer, wie jemand aussieht, der gerade die entsprechende Emotion verspürt, aber fallen uns mehr als eine oder zwei deutsche Entsprechungen ein?

    Hier landet man beim Übersetzen dann zwangsläufig bei der Disziplin, möglichst flexibel mit der Zielsprache umgehen zu können. Die Situation im Text zu erfassen, die Gefühle der handelnden Charaktere zu beachten und dann das passende deutsche Äquivalent zu finden, damit es, wenn’s strange wird, mal merkwürdig, mal skurril, mal außergewöhnlich und manchmal auch einfach seltsam zugeht – das ist der schriftstellerische Aspekt am Übersetzen, der aus der Tätigkeit mehr als ein bloßes Übertragen von Wörtern von A nach B macht.

    Interessanterweise ist es dabei schon eher hinderlich, die Bedeutung eines Textes bereits im Kopf zu erfassen, ohne es noch für sich selbst übersetzen zu müssen. Denn ich ertappe mich durchaus dabei, gelegentlich noch mal nachschlagen zu müssen, wie man jetzt eigentlich am passendsten Wörter wie dour oder clatter übersetzt, obwohl ich ganz genau weiß, wie es aussieht oder klingt, wenn davon die Rede ist.

    Wir übersetzen, um Menschen, die die Sprache einer Quelle nicht beherrschen, diese zugänglich zu machen, wenn wir die Quelle selbst verstehen. Dabei muss es unser Ziel sein, alle Nuancen zu berücksichtigen, die jene Quelle beinhaltet. Und dazu ist es unerlässlich, aus dem Vokabular der Zielsprache diejenigen Entsprechungen auszuwählen, die diese Nuancen am besten beschreiben. Der Spagat dazwischen, die Nuancen bereits beim Lesen zu erfassen, und den eigenen Fundus an Vokabeln möglichst groß zu halten, ist letztlich der Trick für eine gelungene, glaubwürdige Übersetzung.

  • Der Cringe in mir

    Nun gehöre ich ja qua Geburtsjahrgang der Generation Y an und zwar deren früherem Ende. Ich erinnere mich an Zeiten, an denen man telefonisch Verabredungen traf und man sich ein Videospiel auf einem Datenträger kaufen konnte und dann hatte man es für immer (oder jedenfalls bis der Datenträger auch durch Hineinpusten nicht mehr zu retten war).

    Wie jede Generation hatten wir auch unsere Jugendsprache, die in meinem Fall stark durch die mit Anglizismen durchzogene Hip-Hop-Szene geprägt wurde. Aus heutiger Sicht ist mir durchaus bewusst, dass Menschen, die im Jahr 2000 so alt waren wie ich jetzt, nicht zwangsläufig gewusst haben dürften, was tight und fresh ist, obwohl das für uns vollkommen klar war.

    Die Anglizismen, soweit ich das überblicke, sind auch den Jugendsprachen späterer Generationen geblieben, was zunächst mal eine gute Sache ist, denn dass Begriffe wie cringe, safe oder hustlen aufgrund ihrer nicht hundertprozentig vorhandenen deutschen Äquivalente auch heute noch Einzug in die Alltagssprache finden, freut mich. Ich rede aufgrund meiner sprachlichen Sozialisierung ja auch so und allein die Phonetik dieser Worte deutet auf eine schräge Weise an, was sie bedeuten, gar nicht unähnlich der Sprechweise im Ruhrgebiet, wo man allein vom Klang her schon ahnt, was vor sich geht, wenn vom Frickeln oder Schlunzen die Rede ist.

    Was sich dennoch für mich immer noch arg seltsam anfühlt ist, wenn in deutscher Literatur versucht wird, moderne Jugendsprache abzubilden. Egal in welchem Medium, ob Roman, Manga oder auch TV-Serie: Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass für etliche der dortigen Formulierungen eben nicht jemand verantwortlich ist, der*die selbst im Alltag diese Sprechweise verwendet, sondern jemand, der*die sie nachgeschlagen hat. Man spürt sofort dieses Unorganische, hat dieses ganz leise Gefühl, dass da etwas fake ist. Mich reißt das oft raus, wenn mir so etwas begegnet, auch wenn ich absolut davon überzeugt bin, dass viel Mühe und Liebe in diese Übersetzungen geflossen sind.

    Ein bisschen ist es wie mit Fremdsprachen, wo man mit ein bisschen Einblick meist gut identifizieren kann, ob jemand Muttersprachler*in ist oder nicht. Wie gut ich mich auch mit dem Lexikon moderner Jugendsprache auskennen mag, es ist die praktische Anwendung, die nur mit viel Übung zu einem natürlich klingenden Ergebnis führt. Und so akribisch wir Übersetzer*innen auch die Theorie beherrschen mögen; solange wir nicht haupt- oder nebenberuflich Content createn, können wir gar nicht so klingen wie die Teens und Twens von heute, ohne dass es eben jenen sofort auffallen würde.

    Stichwort Content: Wer in den letzten Jahren ein Video deutschsprachiger Influencer*innen gesehen hat, wird gemerkt haben, dass darin nicht nur Wörter der Jugendsprache, sondern auch anscheinend völlig random platzierte englische Terms eingestreut werden, wo es – aus meiner Sicht – gar nicht nötig wäre. Es leuchtet ein, dass das genau so klingen soll und die Sprechweise der jüngeren Generationen abbildet, aber es ist eben nicht möglich, Literatur zu verfassen, die sich dieser Sprechart bedient. Denn paradoxerweise klänge das unweigerlich noch unnatürlicher und gewollter, als wenn die Worte einfach literally gesprochen werden. Mit dieser Gewissheit wirken dann sporadisch eingestreute Begriffe aus zeitgenössischem Jugendslang auf einmal gar nicht mehr so weird.

    Ich habe kürzlich eine Übersetzung abgeschlossen, in der ich nicht daran vorbeikam, mich selbst daran zu versuchen, Jugend- und Internetslang möglichst natürlich klingen zu lassen. Interessanterweise fand ich meine Formulierungen aufgrund der Überspitztheit dabei eigenartig amüsant, was aber wohl eher daran liegt, dass ich ansonsten versuche, einen eher leidlich gehobenen Stil zu pflegen, als dass es wirklich realistisch klingende Dialoge wären. Natürlich bin ich trotzdem besorgt, dass jemand aus Z oder Alpha das Werk liest und darüber den Kopf schüttelt, wie schlimm die Übersetzung mit der Realität junger Menschen am strugglen ist.

    Aber es bleibt wohl festzuhalten, dass ich jetzt auf der anderen Seite des Spektrums stehe. Und da ist der Vergleich mit dem Erlernen einer Fremdsprache gar nicht so abwegig. Aber ob das für den Lebenslauf taugt?

  • Ein kleiner Dienst an einem vernachlässigten Genre

    „Yuri“ (百
    ()合
    ) also. Der japanische Begriff, übersetzt nichts weiter als „Lilie“ und gebildet aus den Kanji für die Zahl 100 und zusammenpassen, bezeichnet das von mir favorisierte Supergenre in der Fiktion und letztlich die Grundlage meines Wirkens. Alles, was ich bislang übersetzt habe (und noch zu übersetzen beabsichtige), hat eine mehr oder minder blatante Yuri-Thematik.

    Dass ich so viel Wert darauf lege, Geschichten über sapphische Liebe (wie rein, verdorben oder zum Scheitern verurteilt sie auch sein mag) einem breiteren Publikum näherzubringen, geschieht nicht grundlos und soll gewiss zu einem späteren Zeitpunkt en detail erklärt werden. Zu den Gründen zählt aber auch, dass ich dem Genre nach wie vor ein gewisses Nischendasein nachsage.

    LGBTQIA*-Fiktion ist in letzter Zeit kaum noch wegzudenken, und sei es auch nur in Form von Token-Charakteren in ansonsten vollkommen straighten Erzählungen. Nicht selten ist das Fantum dafür mitverantwortlich, durch Fan-Fiction erdachte Paarungen Realität im Ausgangsmaterial werden zu lassen (und nicht selten mag das zum Verdruss derer geschehen, die sich jenes Material ausdenken). Die Repräsentation queeren Lebens ist so oder so gegeben und das ist eine sehr feine Sache, da es letztlich ein Abbild der Wirklichkeit darstellt.

    Was ich dabei zu bemerken glaube ist, dass homosexuellen Gefühlen oder Handlungen zwischen Männern dabei das deutlich größere Augenmerk zukommt. Ob schwule Eishockeyspieler zum Popkulturphänomen werden oder einem Teenagerjungen in seinen späten Zwanzigern noch schnell ein Subplot reingeschrieben wird, bevor Vecna besiegt wird: Die Diskussionen darüber fühlen sich so viel intensiver, lauter und unversöhnlicher ausgefochten an als über knutschende Mädels.

    Auch dafür gibt es sicher im Zeitgeist und der weltweit geführten Debatte über moderne Männlichkeit zu verortende Erklärungen, die hier gar nicht betrachtet werden sollen. Nur eines sei hier erwähnt: Wir sind leider immer noch in heller Aufruhr darüber, wenn Männer Gefühle zeigen, die von ihnen nicht „erwartet“ werden. Dass Frauen (und FLINTA* im Allgemeinen) ihr Bedürfnis nach Gefühlsüberschwang auch bei Nichtmännern suchen und finden, fühlt sich für uns hingegen gar nicht so unverständlich an. Und letztlich sind wir Frauen auch nicht ganz unschuldig daran, neigen wir doch dazu, die männlichstmöglichen Figuren im Geiste miteinander zu verkuppeln, um uns an der Vorstellung zu erfreuen, wie solche Kolosse des Testosterons in der Hand des anderen plötzlich ganz zärtlich werden — eine Vorstellung, die wir in der Realität längst aufgegeben haben.

    Dadurch gerät lesbische Fiktion immer so ein bisschen ins Hintertreffen. Dabei ist sie ja mannigfaltig vorhanden; es gibt unzählige tolle Werke über tolle weiblich gelesene Charaktere, die am Ende nicht vom Prinzen gerettet werden, sondern ihre Prinzessin selbst finden dürfen. Aber die Diskussion darüber ist eine andere. Das Bewusstsein dafür ist ein anderes. Und die Nachfrage danach ist aufgrund des ausbleibenden medialen Aufschreis geringer.

    Es ist mein erklärtes Ziel, die Existenz jener vielfältigen, spannenden und herzerwärmenden Literatur ein Modicum mehr bekannt zu machen. Denn es handelt sich dabei um ein erzählerisches Genre, das mich selbst und meine Identität geprägt hat. Ich wäre nicht die Person, die ich heute bin, ohne Geschichten über Mädchen, die sich ineinander vergucken. Was, wenn ich es so salopp formuliere, trivial klingen mag, war letzten Endes die Bestätigung für mich, dass eine Welt existiert, in der es okay ist, „anders“ zu sein, zu fühlen und zu lieben. Denn Literatur ist schließlich nicht viel mehr als die Verheißung, die Dinge selbst zu fühlen und zu erleben, die den Romanheld*innen widerfahren.

    Geschichten öffnen Tore in andere Welten und Yuri-Geschichten haben mir das Tor in jene geöffnet, in der ich mein Glück gefunden habe. Ich lass es jetzt nur noch ein bisschen offenstehen, falls noch jemand durchgehen möchte.

  • Endlich ein Blog!

    Und somit habe ich auch nun einen Ort, meine Gedanken in die Leere des Internets hinauszuschreien, wo sie in den derzeit lustig aus dem Boden sprießenden Rechenzentren Blüte treiben mögen.

    Nein, Quatsch. Warum auch gleich wieder so negativ? Ich habe einen Blog! Und dessen einziger Existenzgrund ist der, manche Gedanken, die mir beim Übersetzen immer wieder durch den Kopf gehen, aufschreiben zu können, auf dass sie dann Platz für Neues machen.

    Es wird unregelmäßig passieren, es wird fürchterlich voreingenommen sein und es wird zu kaum mehr taugen als einer besseren Tippübung, aber es wird werden. Unter Umständen kommt dabei so was wie allgemeiner Erkenntnisgewinn heraus. Und im schlimmsten Fall nehme ich der KI damit ein paar Kilobyte Speicher weg, ha.

    Man tut, was man kann.

  • Der erste Satz

    Ich arbeite gerade daran, dass das hier demnächst nicht wie ein gerade erst frisch installiertes WordPress-Projekt aussieht. Bleibt dran!