Der Cringe in mir

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Nun gehöre ich ja qua Geburtsjahrgang der Generation Y an und zwar deren früherem Ende. Ich erinnere mich an Zeiten, an denen man telefonisch Verabredungen traf und man sich ein Videospiel auf einem Datenträger kaufen konnte und dann hatte man es für immer (oder jedenfalls bis der Datenträger auch durch Hineinpusten nicht mehr zu retten war).

Wie jede Generation hatten wir auch unsere Jugendsprache, die in meinem Fall stark durch die mit Anglizismen durchzogene Hip-Hop-Szene geprägt wurde. Aus heutiger Sicht ist mir durchaus bewusst, dass Menschen, die im Jahr 2000 so alt waren wie ich jetzt, nicht zwangsläufig gewusst haben dürften, was tight und fresh ist, obwohl das für uns vollkommen klar war.

Die Anglizismen, soweit ich das überblicke, sind auch den Jugendsprachen späterer Generationen geblieben, was zunächst mal eine gute Sache ist, denn dass Begriffe wie cringe, safe oder hustlen aufgrund ihrer nicht hundertprozentig vorhandenen deutschen Äquivalente auch heute noch Einzug in die Alltagssprache finden, freut mich. Ich rede aufgrund meiner sprachlichen Sozialisierung ja auch so und allein die Phonetik dieser Worte deutet auf eine schräge Weise an, was sie bedeuten, gar nicht unähnlich der Sprechweise im Ruhrgebiet, wo man allein vom Klang her schon ahnt, was vor sich geht, wenn vom Frickeln oder Schlunzen die Rede ist.

Was sich dennoch für mich immer noch arg seltsam anfühlt ist, wenn in deutscher Literatur versucht wird, moderne Jugendsprache abzubilden. Egal in welchem Medium, ob Roman, Manga oder auch TV-Serie: Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass für etliche der dortigen Formulierungen eben nicht jemand verantwortlich ist, der*die selbst im Alltag diese Sprechweise verwendet, sondern jemand, der*die sie nachgeschlagen hat. Man spürt sofort dieses Unorganische, hat dieses ganz leise Gefühl, dass da etwas fake ist. Mich reißt das oft raus, wenn mir so etwas begegnet, auch wenn ich absolut davon überzeugt bin, dass viel Mühe und Liebe in diese Übersetzungen geflossen sind.

Ein bisschen ist es wie mit Fremdsprachen, wo man mit ein bisschen Einblick meist gut identifizieren kann, ob jemand Muttersprachler*in ist oder nicht. Wie gut ich mich auch mit dem Lexikon moderner Jugendsprache auskennen mag, es ist die praktische Anwendung, die nur mit viel Übung zu einem natürlich klingenden Ergebnis führt. Und so akribisch wir Übersetzer*innen auch die Theorie beherrschen mögen; solange wir nicht haupt- oder nebenberuflich Content createn, können wir gar nicht so klingen wie die Teens und Twens von heute, ohne dass es eben jenen sofort auffallen würde.

Stichwort Content: Wer in den letzten Jahren ein Video deutschsprachiger Influencer*innen gesehen hat, wird gemerkt haben, dass darin nicht nur Wörter der Jugendsprache, sondern auch anscheinend völlig random platzierte englische Terms eingestreut werden, wo es – aus meiner Sicht – gar nicht nötig wäre. Es leuchtet ein, dass das genau so klingen soll und die Sprechweise der jüngeren Generationen abbildet, aber es ist eben nicht möglich, Literatur zu verfassen, die sich dieser Sprechart bedient. Denn paradoxerweise klänge das unweigerlich noch unnatürlicher und gewollter, als wenn die Worte einfach literally gesprochen werden. Mit dieser Gewissheit wirken dann sporadisch eingestreute Begriffe aus zeitgenössischem Jugendslang auf einmal gar nicht mehr so weird.

Ich habe kürzlich eine Übersetzung abgeschlossen, in der ich nicht daran vorbeikam, mich selbst daran zu versuchen, Jugend- und Internetslang möglichst natürlich klingen zu lassen. Interessanterweise fand ich meine Formulierungen aufgrund der Überspitztheit dabei eigenartig amüsant, was aber wohl eher daran liegt, dass ich ansonsten versuche, einen eher leidlich gehobenen Stil zu pflegen, als dass es wirklich realistisch klingende Dialoge wären. Natürlich bin ich trotzdem besorgt, dass jemand aus Z oder Alpha das Werk liest und darüber den Kopf schüttelt, wie schlimm die Übersetzung mit der Realität junger Menschen am strugglen ist.

Aber es bleibt wohl festzuhalten, dass ich jetzt auf der anderen Seite des Spektrums stehe. Und da ist der Vergleich mit dem Erlernen einer Fremdsprache gar nicht so abwegig. Aber ob das für den Lebenslauf taugt?

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