„Yuri“ (百
合) also. Der japanische Begriff, übersetzt nichts weiter als „Lilie“ und gebildet aus den Kanji für die Zahl 100 und zusammenpassen, bezeichnet das von mir favorisierte Supergenre in der Fiktion und letztlich die Grundlage meines Wirkens. Alles, was ich bislang übersetzt habe (und noch zu übersetzen beabsichtige), hat eine mehr oder minder blatante Yuri-Thematik.
Dass ich so viel Wert darauf lege, Geschichten über sapphische Liebe (wie rein, verdorben oder zum Scheitern verurteilt sie auch sein mag) einem breiteren Publikum näherzubringen, geschieht nicht grundlos und soll gewiss zu einem späteren Zeitpunkt en detail erklärt werden. Zu den Gründen zählt aber auch, dass ich dem Genre nach wie vor ein gewisses Nischendasein nachsage.
LGBTQIA*-Fiktion ist in letzter Zeit kaum noch wegzudenken, und sei es auch nur in Form von Token-Charakteren in ansonsten vollkommen straighten Erzählungen. Nicht selten ist das Fantum dafür mitverantwortlich, durch Fan-Fiction erdachte Paarungen Realität im Ausgangsmaterial werden zu lassen (und nicht selten mag das zum Verdruss derer geschehen, die sich jenes Material ausdenken). Die Repräsentation queeren Lebens ist so oder so gegeben und das ist eine sehr feine Sache, da es letztlich ein Abbild der Wirklichkeit darstellt.
Was ich dabei zu bemerken glaube ist, dass homosexuellen Gefühlen oder Handlungen zwischen Männern dabei das deutlich größere Augenmerk zukommt. Ob schwule Eishockeyspieler zum Popkulturphänomen werden oder einem Teenagerjungen in seinen späten Zwanzigern noch schnell ein Subplot reingeschrieben wird, bevor Vecna besiegt wird: Die Diskussionen darüber fühlen sich so viel intensiver, lauter und unversöhnlicher ausgefochten an als über knutschende Mädels.
Auch dafür gibt es sicher im Zeitgeist und der weltweit geführten Debatte über moderne Männlichkeit zu verortende Erklärungen, die hier gar nicht betrachtet werden sollen. Nur eines sei hier erwähnt: Wir sind leider immer noch in heller Aufruhr darüber, wenn Männer Gefühle zeigen, die von ihnen nicht „erwartet“ werden. Dass Frauen (und FLINTA* im Allgemeinen) ihr Bedürfnis nach Gefühlsüberschwang auch bei Nichtmännern suchen und finden, fühlt sich für uns hingegen gar nicht so unverständlich an. Und letztlich sind wir Frauen auch nicht ganz unschuldig daran, neigen wir doch dazu, die männlichstmöglichen Figuren im Geiste miteinander zu verkuppeln, um uns an der Vorstellung zu erfreuen, wie solche Kolosse des Testosterons in der Hand des anderen plötzlich ganz zärtlich werden — eine Vorstellung, die wir in der Realität längst aufgegeben haben.
Dadurch gerät lesbische Fiktion immer so ein bisschen ins Hintertreffen. Dabei ist sie ja mannigfaltig vorhanden; es gibt unzählige tolle Werke über tolle weiblich gelesene Charaktere, die am Ende nicht vom Prinzen gerettet werden, sondern ihre Prinzessin selbst finden dürfen. Aber die Diskussion darüber ist eine andere. Das Bewusstsein dafür ist ein anderes. Und die Nachfrage danach ist aufgrund des ausbleibenden medialen Aufschreis geringer.
Es ist mein erklärtes Ziel, die Existenz jener vielfältigen, spannenden und herzerwärmenden Literatur ein Modicum mehr bekannt zu machen. Denn es handelt sich dabei um ein erzählerisches Genre, das mich selbst und meine Identität geprägt hat. Ich wäre nicht die Person, die ich heute bin, ohne Geschichten über Mädchen, die sich ineinander vergucken. Was, wenn ich es so salopp formuliere, trivial klingen mag, war letzten Endes die Bestätigung für mich, dass eine Welt existiert, in der es okay ist, „anders“ zu sein, zu fühlen und zu lieben. Denn Literatur ist schließlich nicht viel mehr als die Verheißung, die Dinge selbst zu fühlen und zu erleben, die den Romanheld*innen widerfahren.
Geschichten öffnen Tore in andere Welten und Yuri-Geschichten haben mir das Tor in jene geöffnet, in der ich mein Glück gefunden habe. Ich lass es jetzt nur noch ein bisschen offenstehen, falls noch jemand durchgehen möchte.

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