Übersetzen oder verstehen

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Beim Lernen einer Fremdsprache erreicht man früher oder später den Punkt, an dem man geschriebene oder gesprochene Wörter wahrnimmt und deren Bedeutung begreift, ohne sie dafür erst im Kopf übersetzen zu müssen. Ab da kann man, so jedenfalls meine unwissenschaftliche Definition, behaupten, die Sprache zu verstehen. Alles, was ab diesem Punkt noch zu ergänzen ist, sind Vokabular und sprachliche Feinheiten (etwa, wie sich Ironie in der Sprache äußert, Dialekte oder Slang).

Bevor das Gehirn jedoch eigenständig die Bedeutung aus der wahrgenommenen Fremdsprache extrahieren kann, müssen wir erst ihre Grundlagen durch regelmäßige Wiederholungen und Übungen erlernen. Solange übersetzen wir die gehörten oder gelesenen Dinge noch, entweder im Kopf oder auf dem Übungszettel, und bauen damit gleichzeitig ein Fremdwörterbuch im Kopf auf, auf das wir bei Nutzung der Fremdsprache später zurückgreifen.

Interessant wird es, wenn wir so weit sind, die Sprache zu begreifen, ohne sie uns erst zurechtübersetzen zu müssen. Mir fällt dabei zunehmend auf, dass ich bei der Wahrnehmung insbesondere englischer Sprache viele Wörter nicht mehr im Kopf 1:1 ins Deutsche übertragen kann, weil mir ihre Bedeutung darin klar ist, das deutsche Äquivalent dazu aber gerade abhanden gekommen ist. Insbesondere passiert das bei Wörtern, die sehr viele Bedeutungen haben können und sich je nach Situation anpassen. Wörter wie awkward (36 Bedeutungen auf dict.cc), awesome (25) oder strange (33) wechseln ihre Bedeutung wie andere die Unterwäsche und wir wissen eigentlich immer, wie jemand aussieht, der gerade die entsprechende Emotion verspürt, aber fallen uns mehr als eine oder zwei deutsche Entsprechungen ein?

Hier landet man beim Übersetzen dann zwangsläufig bei der Disziplin, möglichst flexibel mit der Zielsprache umgehen zu können. Die Situation im Text zu erfassen, die Gefühle der handelnden Charaktere zu beachten und dann das passende deutsche Äquivalent zu finden, damit es, wenn’s strange wird, mal merkwürdig, mal skurril, mal außergewöhnlich und manchmal auch einfach seltsam zugeht – das ist der schriftstellerische Aspekt am Übersetzen, der aus der Tätigkeit mehr als ein bloßes Übertragen von Wörtern von A nach B macht.

Interessanterweise ist es dabei schon eher hinderlich, die Bedeutung eines Textes bereits im Kopf zu erfassen, ohne es noch für sich selbst übersetzen zu müssen. Denn ich ertappe mich durchaus dabei, gelegentlich noch mal nachschlagen zu müssen, wie man jetzt eigentlich am passendsten Wörter wie dour oder clatter übersetzt, obwohl ich ganz genau weiß, wie es aussieht oder klingt, wenn davon die Rede ist.

Wir übersetzen, um Menschen, die die Sprache einer Quelle nicht beherrschen, diese zugänglich zu machen, wenn wir die Quelle selbst verstehen. Dabei muss es unser Ziel sein, alle Nuancen zu berücksichtigen, die jene Quelle beinhaltet. Und dazu ist es unerlässlich, aus dem Vokabular der Zielsprache diejenigen Entsprechungen auszuwählen, die diese Nuancen am besten beschreiben. Der Spagat dazwischen, die Nuancen bereits beim Lesen zu erfassen, und den eigenen Fundus an Vokabeln möglichst groß zu halten, ist letztlich der Trick für eine gelungene, glaubwürdige Übersetzung.

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